Fanfiction im 18. Jahrhundert – Caroline Pichler & Benedikte Naubert

Gestern erschien im Blogazine Red Riding Rogue ein spannender Essay von Larissa, in dem es um das Thema Fanfiction und Weiblichkeit geht. (Wer ihn noch nicht gelesen hat, einfach dem vorigen Link folgen, es lohnt sich!) Das hat mich an eine Geschichte erinnert, die ich hier schon längst einmal posten wollte, eine Geschichte um zwei Autorinnen des 18. bzw. 19. Jahrhunderts, Benedikte Naubert und Caroline Pichler.

Benedikte Naubert mit ihrem Pflegesohn, Porträt von Daniel Caffé, 1806 (gemeinfrei, via Wikimedia Commons)

Benedikte Naubert, geb. Hebenstreit (1752–1819), war eine der „Erfinderinnern“ des modernen historischen Romans. Ab 1779 veröffentlichte sie eine lange Reihe extrem erfolgreicher Romane, die meist einen mittelalterlichen Hintergrund hatten. Wie damals üblich, trugen diese Werke lange, klingende Titel, etwa Hermann von Unna. Eine Geschichte aus den Zeiten der Vehmgerichte; – Elisabeth, Erbin von Toggenburg. Oder Geschichte der Frauen von Sargans in der Schweiz; – Walther von Montbarry, Großmeister des Tempelordens; – Alf von Dülmen, oder Geschichte Kaiser Philipps und seiner Tochter und dergleichen mehr.

Titelkupfer zu Nauberts Roman: Werner, Graf von Bernburg. Eine Geschichte aus den Zeiten des Mittelalters, Wien 1791. (gemeinfrei, via GoogleBooks)

Nauberts Erfolg war auch keineswegs auf den deutschen Sprachraum beschränkt. Schon zu ihren Lebzeiten wurden ihre Bücher ins Englische übersetzt und übten so einen maßgeblichen Einfluss auf englischsprachige Autorinnen und Autoren wie Ann Radcliffe und Walter Scott aus. Scott etwa übernahm von Naubert das bis heute gängige Prinzip, nicht berühmte historische Persönlichkeiten, sondern fiktive „Nebenfiguren“ aus deren Umfeld zu den eigentlichen Hauptfiguren historischer Romane zu machen.

Als Naubert 1819 starb, hatte sie in Caroline Pichler, geb. Greiner (1769–1843), bereits eine würdige Nachfolgerin gefunden. Obwohl Pichlers Schaffen ein breites Spektrum abdeckte, war auch sie vor allem für ihre historischen Romane berühmt. Das in Philadelphia erscheinende Journal of Belles Lettres ging 1834 so weit, sie als „the female Sir Walter Scott of Germany“ zu bezeichnen. Und wie die Herkunft dieses Zitats deutlich macht, war  auch Pichler eine international bekannte Star-Autorin, denn auch ihre Romane wurden rasch ins Englische, aber auch ins Französische übersetzt.

Caroline Pichler, Kupferstich von Thomas Benedetti nach einem Porträt von Josef Kriehuber (gemeinfrei, via Wikimedia Commons)

Kurz vor ihrem Tod schrieb Pichler eine ausführliche Autobiographie, die schließlich 1844 postum als Denkwürdigkeiten aus meinem Leben veröffentlicht wurde. Darin kommt sie auch auf ihre ersten literarischen Versuche zu sprechen und auf den Einfluss den Benedikte Naubert darauf hatte – und damit sind wir nun endlich bei der eingangs versprochenen Geschichte…

(Oder doch noch nicht ganz, denn zum Verständnis des Folgenden sind noch ein paar kurze Anmerkungen nötig. Erstens: Bis 1817 erschienen alle Werke Nauberts anonym, und alle Welt zerbrach sich den Kopf, wer denn eigentlich der Autor dieser tollen Romane sei. Da die Geschichten spannend geschrieben waren, großes historisches Wissen erkennen ließen und oft auch noch subtil-ironische Anspielungen auf Zeitgenössisches enthielten, waren sich aber alle sicher, dass der Verfasser ein Mann sein musste. Erst um 1800 begann die wahre Identität der Autorin in Insider-Kreisen allmählich durchzusickern, und 1817 wurde sie schließlich – ohne Nauberts Zustimmung – in einem Artikel der Zeitung für die elegante Welt der Öffentlichkeit enthüllt.

Zweitens: Unter einer Romanze verstand man im 18./frühen 19. Jahrhundert ein erzählendes Gedicht, das gut und gern auch die Länge eines ausgewachsenen Versepos erreichen konnte.

Drittens: Pichler stammte aus dem österreichischen Kleinadel (ihre Mutter war Hofdame bei Maria Theresia); die meisten ihrer historischen Romane und Erzählungen sind von offensichtlichem österreichischen Patriotismus geprägt und zeigen vor allem das Herrscherhaus der Habsburger in durchwegs positivem Licht.)

…hier nun endlich die eingangs versprochene Geschichte. In ihren Denkwürdigkeiten schreibt Caroline Pichler:

„In diese Zeit, nämlich 1788, 1789, 1790 fiel die Erscheinung der ersten Ritterromane jener Periode, von welchen die Schlenkertschen, so wie Veit Webers Sagen der Vorzeit ihrer Roheit und affektierten Schreibart wegen nicht viel Eindruck auf mich machten, dahingegen mich Hermann von Unna, Walter von Montbarry, Elisabeth von Toggenburg, vor allen aber Alf von Dülmen, mit einem Wort die Naubertschen Romane – von denen damals niemand in Deutschland den Autor kannte oder nur mutmaßte – ganz unbeschreiblich entzückten und in jene Zeiten versetzten, die sie so lebhaft schilderten. Alles im Hause gestaltete sich mir auf ritterlich altertümliche Art. Ich betrachtete alles in diesem Sinne, ich lebte in diesen Vorstellungen und war ganz glücklich, wenn ich wieder ein Werk aus dieser Feder zum Lesen erhielt. In meinem Kopf wirbelten diese Bilder, diese Szenen, diese Gefühle; ich dichtete einige Romanzen, die ich jetzt im ganzen für herzlich schlecht erkennen muß, deren Eingänge aber nicht ohne poetischen Wert, und da sie nie gedruckt wurden, doch des Aufbewahrens in diesen Blättern nicht unwert sind.

Die ein war dem Walter von Montbarry entnommen. – Ihr Inhalt war ein gefabeltes Abenteuer Richard Läwenherz’, das er in Wien, am Hofe Herzog Leopolds sollte bestanden haben. Daß Österreich und seine Herrscher ziemlich schlecht in jenem Romane und so auch in meinem Gedichte erscheinen, irrte mich damals nicht und irrte auch niemand in meiner Romanze. (…) Das war damals der Geist der Zeit, er hatte auch mich ergriffen, und so wählte ich den Stoff zur Romanze aus dem Romane, der auf mich einen tiefen Eindruck gemacht hatte und hielt mich an die Fiktion desselben, vermöge welcher Blondel nach Richards und Walters Tod sich mit Mathilden, der Geliebten, der Gattin des ersten, auf eine Insel des Mittelmeeres zurückzieht (…) und dort ihrem und seinem Schmerze lebt.“

In heutige Sprache übersetzt, klingt das doch sehr danach, als hätte Caroline Pichler – „the female Sir Walter Scott of Germany“ – ihre bemerkenswerte Laufbahn als Autorin mit dem Schreiben von Benedikte Naubert-Fanfiction begonnen.

 

 

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