Ein Nachfolger Frankensteins: „Das zweite Leben“ von Almerico Ribera

Bei den Recherchen für Spiegelbergs Bibliothek der Phantastik stieß ich unlängst auf die Besprechung eines verschollenen phantastischen Romans: Das zweite Leben, von dem italienischen Arzt und Schriftsteller Almerico Ribera. Die italienische Originalfassung erschien 1904 als La villa misteriosa („Die geheimnisvolle Villa“), die deutsche Übersetzung folgte im Jahr darauf. Der erwähnten Besprechung in der Neuen Freien Presse zufolge handelt es sich um einen Horrorroman von klassischem Zuschnitt, der deutlich vom Mary Shelleys Frankenstein inspiriert ist: Am Beginn steht ein gelehrter Arzt, der einen Weg gefunden hat, Tote wieder zum Leben zu erwecken; am Ende ein wütender Mob, der sich anschickt, dessen Behausung zu stürmen…

[gemeinfreie Illustration aus: Edith Wharton, Italian Villas and their Gardens, New York 1904]

Zugegeben, gänzlich „verschollen“ ist der Roman nicht – immerhin die Biblioteca Nazionale in Florenz listet ein Exemplar in ihrem Online-Katalog. Ansonsten konnte ich das Werk aber in keiner der großen italienischen Bibliotheken finden, und auch die Übersetzung scheint in den Katalogen der wichtigsten deutschsprachigen Bibliotheken nirgends auf. Ebenso wenig ist der Roman in den Verzeichnissen des antiquarischen Buchhandels enthalten.

Aber immerhin war 1905 der Spoiler Alert noch nicht erfunden; wie damals durchaus üblich, enthält die Besprechung in der Neuen Freien Presse eine ausführliche Inhaltsangabe, die ich euch hier nicht vorenthalten will:


„‚Das zweite Leben‘ spielt in dem Dorfe Polvica, nicht weit von Neapel. Dort hat der deutsche Arzt Dr. Otto Schulte eine verlassene Villa angekauft und sich darin mit seinem Diener Fritz häuslich niedergelassen. Verwundert und misstrauisch fragen sich die Bauern, was der Fremde wolle. Ihr Argwohn, dass es in der Villa nicht mit rechten Dingen zugehe, steigert sich, als ein ganzer Lastwagen voll großer Kisten ankommt, über deren Inhalt die Leute sich vergebens die Köpfe zerbrechen, da der Doktor sich entschieden weigert, irgendeinen Kranken zu besuchen oder jemand in seine Villa eintreten zu lassen. Dass er sich mit tiefem Geheimnis umgibt, hat seinen guten Grund. Seinen rastlosen Forschungen ist es gelungen, die Mittel zu finden, durch welche das entschwundene Leben zurückgerufen werden kann, wenn ein Mensch vor der Zeit, das heißt jung gestorben ist. Um seine Entdeckung praktisch zu erproben, hat er sich in das abgelegene neapolitanische Dorf zurückgezogen. Bald nach seiner Ankunft stirbt Beatrice, die Tochter des Bürgermeisters Cavaliere Sarfatti, an der Schwindsucht. In der Nacht, die ihrer Bestattung folgt, gräbt sie Dr. Schulte mit Hilfe des treuen Fritz aus, und ihre Wiederbelebung gelingt. Es ist wohl kein volles Leben, das sie erhält, sondern das Dasein eines belebten Automaten. Empfindung und Wille fehlen, die Bewegungen sind steif, mechanisch. Nur die Gegenwart, der faszinierende Blick des Arztes, die von ihm ausgehende Suggestion erhält dies seltsame, künstliche zweite Leben. Auf welche Weise Dr. Schulte es in den Körper zurückzuzaubern vermag, das wird uns nicht klar, obwohl er einen ausführlichen Vortrag darüber hält. Nur so viel lässt sich vermuten, dass galvanische Apparate die Hauptrolle bei dem merkwürdigen Experiment spielen.

Da der Versuch mit Beatrice gelang, wiederholt ihn Dr. Schulte, so oft er kann. Jeden, der in Polvica stirbt, gräbt er aus und flößt ihm neues Leben ein, so dass er schließlich eine ganze Gesellschaft vom Tode Erweckter in seiner Villa hat. Das wird sein Verderben. Die Auferstandenen wollen essen, Fritz muss somit für viele Personen einkaufen. Vorübergehende hören aus der Villa allerlei Stimmen. Die Bauern beginnen den deutschen Arzt für einen Hexenmeister zu halten, der mit dem Teufel im Bunde stehe; der Pfarrer bestärkt sie in diesem Verdacht. Der hochwürdige Don Feliciano ist in einer Mondnacht an der Villa vorübergegangen und hat durch die offenen Fenster verschiedene Stimmen gehört, bekannte Stimmen jüngst verstorbener und bestatteter Gemeindemitglieder. Nun hetzt der fromme Mann in seiner Einfalt nicht bloß die Bauern gegen den ruchlosen Ketzer und Zauberer auf, sondern auch die Behörden von Neapel. Diese sehen sich gezwungen einzuschreiten, als in Polvica ein förmlicher Aufruhr ausbricht. Das Volk rottet sich zusammen, öffnet die frischen Gräber auf dem Friedhof und findet sie sämtlich leer. Es will die Villa stürmen und den Doktor erschlagen. Polizei und Militär drängen die Wütenden zurück. Der aus Neapel gekommene Rat Cestari, der die Ordnung wiederherstellen soll, weiß sich nicht anders aus der Verlegenheit zu ziehen, als indem er den Doktor, der freiwillig vor ihm erscheint, verhaften lässt. Dieser entspringt den Polizisten, welche ihn begleiten, und verschwindet trotz der Wunde, die eine nachgesandte Kugel ihm beibringt.

Die Villa wird von einer Kompanie Infanterie zerniert. In ihrem Innern befindet sich außer den vom Tode Erweckten und dem treuen Fritz auch Georg Levi, der Bräutigam Beatricens. Der arme junge Mann ist über den Tod der Geliebten wahnsinnig geworden, hat sie ihr Lieblingsstück spielen hören – die Auferstandene kann auch musizieren – und ist seitdem bei Tag und Nacht, in Wind und Wetter an der Schwelle der Villa gelegen wie ein verstoßener Hund, bis sich der Doktor des Geistesgestörten erbarmte und ihn einließ. Fortan saß er zu Beatricens Füßen, hielt ihre Hände in den seinen, sah ihr unverwandt in die Augen, glücklich und unschädlich in seinem stillen Blödsinn. Aber die Patienten des Doktor Schulte können nur leben, wenn er zugegen ist, wenn sein eiserner Wille sie zu leben zwingt. Nun, da er fern, hört einer nach dem andern zu leben auf. Auch Beatrice stirbt; Fritz, der sich in das Halbgespenst verliebt hat, fällt ohnmächtig neben ihr nieder. Georg gerät bei dem Anblick in Raserei. Er steckt die Villa in Brand. Der Feuerschein treibt den Doktor aus seinem Versteck. Mit der Kraft der Verzweiflung eilt er herbei und schreit dem Diener zu: ‚Rette mein Manuskript!‘ Der treue Fritz eilt durch Rauch und Flammen, um die kostbare Handschrift zu bergen, in welcher Dr. Schulte sein Geheimnis niedergelegt hat. Aber es ist zu spät; das Haus stürzt ein und Fritz stirbt als Opfer seiner Treue. Dr. Schulte aber stiert regungslos in die rauchenden Trümmer; er hat den Verstand verloren. ‚Von ihm konnte man nur sagen: Dieser arme, trostlose Körper enthielt einst die große Seele des Dr. Otto Schulte.‘

Mit diesen Worten schließt der Roman, der den Leser in unausgesetzter Spannung erhält. Wie alle geistig höherstehenden Italiener grollt auch Ribera über die schreckliche Unwissenheit und Bigotterie der unteren Volksklassen im Süden seines Vaterlandes und geißelt sie unerbittlich. Er schöpft trotz aller Phantastik aus dem wirklichen Leben, und der leitende Gedanke, der nach unserer Meinung aus seinem Buche hervorleuchtet, gilt nicht bloß für Süditalien, sondern für die ganze Erde. Er wird in dem kurzen alten Sprüchlein ausgeprägt: Undank ist der Welt Lohn. Dr. Schulte will ein Wohltäter der Menschheit sein. Darum geht er zugrunde. Geschieht ihm vollkommen recht.“

[Aus: Karl von Thaler, Zwei phantastische Romane, in: Neue Freie Presse, 1. Oktober 1905, S. 33.]

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